Angst Blockierend oder Aktivierend?

Gleich vorweg möchte ich den Hinweis geben, dass ich hier nicht von den pathologischen Ausdrucksformen der Angst spreche, also einer Angsterkrankung. Diese Thematik gehört nicht in das Coaching sondern bedarf einer fachärztlichen bzw. psychotherapeutischen Behandlung.

Ich befasse mich hier mit den sogenannten „Grundformen der Angst“ (nach dem Psychoanalytiker Fritz Riemann) und wie diese uns beeinflussen.

Angst ist zunächst einmal eine ganz natürliche Funktion. Sie ist eine Reaktion auf Vorstellungen oder reale Situationen die von uns als bedrohlich wahrgenommen werden. Angst war für das Überleben schon immer unverzichtbar und ist auch heute noch handlungsleitend. Angst kann uns blockieren aber auch aktivieren. Angst gibt auch immer einen Impuls sie zu überwinden. Wird die Angst angenommen und gemeistert, dann entwickelt sich der Mensch weiter. Wenn allerdings der Angst ständig ausgewichen wird (Vermeidungsverhalten), wird die Weiterentwicklung behindert.

Im Coaching geht man von den folgenden vier Grundformen der Angst aus:

  1. Die Angst vor der Selbstwerdung – Menschen distanzieren sich
    Diese Grundangst versteht sich als Angst vor zu viel Nähe und vor Abhängigkeit. Dies führt z.B. zu unbegründeter Eifersucht, Zweifeln an der eigenen Fähigkeit zu lieben, Zweifel an der Aufrichtigkeit anderer Menschen und zu Kontaktschwierigkeiten. Wer diese Angst in sich trägt wird von anderen oft als distanziert und überheblich erlebt, und kompensiert dies wiederum durch Arbeitssucht, Aktionismus und einzelgängerisches Verhalten. Es wichtig zu verstehen, dass es für uns und ein glückliches Leben wichtig ist, dass wir Gemeinsamkeiten aufbauen und uns zu einer Gemeinschaft zugehörig fühlen.
  2. Die Angst vor der Selbsthingabe – Menschen suchen die Nähe zu anderen
    Wer diese Grundangst in sich trägt, hat Angst vor Isolation, dem Verlassenwerden. Dadurch resultieren gegebenenfalls große Verlustängste und auch Selbstmitleid. Zudem kann es zu überbesorgtem Verhalten bis hin zu emotionaler Erpressung in der Partnerschaft kommen. Menschen mit dieser Grundangst neigen zu Materialismus und werden von ihrem Umfeld als zuverlässig, allerdings hin zur Pedanterie erlebt. Es ist wichtig zu verstehen, dass man sich dieser Angst stellen muss, um sich dem Leben wirklich zuwenden zu können, und um eben gerade nicht isoliert zu sein, zu werden oder zu bleiben.
  3. Die Angst vor der Wandlung – Alles soll so bleiben wie es ist
    Diese Angst trägt in irgendeiner Form jeder Mensch in sich, denn Veränderung stellt jeden vor größere oder kleinere Herausforderungen. Der Wunsch, dass alles beim Alten bleibt, wird als sicher und bewährt angesehen. Das Wagnis etwas Neues anzugehen, sich dem Lebensfluss einfach mal zu überlassen, ist für Menschen mit dieser Grundform der Angst unmöglich da sie Verstand gesteuert sind. Dadurch sind diese Personen sehr konservativ und zeigen einen Mangel an Spontanität sowie Einsicht. Auch die Unentschlossenheit gehört zu den Eigenschaften die diese Menschen mit sich bringen. Eine ungewollte Veränderung kann dabei in tiefe Lebenskrisen stürzen. Es ist hier wichtig zu verstehen, dass alles vergänglich ist und immer im Wandel begriffen, und dies nicht als Bedrohung anzusehen.
  4. Die Angst vor der Notwendigkeit – Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen und interessieren sich nicht für die Zukunft
    Diese Grundform der Angst führt dazu keine finalen Entscheidungen zu treffen, sich nicht festlegen und keine Spannungen ertragen zu müssen. Menschen die diese Grundform der Angst in sich tragen können keinerlei Frustrationen aushalten und ihre Wünsche müssen immer sofort erfüllt werden. Sie weichen Unangenehmem gerne aus, verdrängen schnell Schuldgefühle und suchen ständig nach Selbstbestätigung. Zukunftsplanung ist ihnen ein Greul. Von anderen werden sie als spontan bis unzuverlässig erlebt.

Generell stehen hinter den vier Grundformen der Angst allgemeine menschliche Probleme, mit denen sich jeder auseinandersetzen muss. Jede dieser Grundformen begegnet uns im Leben. Sei es, wenn wir uns anderen öffnen (1), wenn wir uns in irgendetwas besonders hervortun oder aber zurückgesetzt fühlen (2), wenn wir uns plötzlich mit einer neuen Situation auseinandersetzen müssen (3) oder immer dann, wenn wir uns Freiheiten nehmen, die aber auch immer eine Konsequenz beinhalten (4).

Ängste lassen sich in unserem Leben nicht umgehen, sie sind sogar wichtig für unsere Entwicklung. Aber dafür ist es essentiell sich mit den Ängsten auseinanderzusetzen. Wenn wir das nicht tun, sondern uns der Angst unterordnen, wird sie uns mittel- und langfristig blockieren. Stellen wir uns dieser Angst jedoch und arbeiten daran sie sogar zu überwinden, wird sie uns aktivieren und eine Bereicherung unseres Lebens werden.

Unsere Grundängste stehen in engem Zusammenhang mit unseren Wurzeln und unserem Erlernten. Ein Coaching kann unterstützen diese Zusammenhänge aufzudecken und zu verstehen, und somit unsere Ängste als positiven Faktor in unserem Leben zu begreifen.